Stolpersteine gegen das Wegschauen und Vergessen

Ein Kunstprojekt von Gunter Demnig

Das Projekt Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig erinnert mittlerweile in mehr als 500 deutschen und zahlreichen Städten und Gemeinden im Ausland, wie z. B. in Belgien, Italien, Frankreich, Ungarn, Polen, Österreich, um nur einige Länder zu nennen, an das Schicksal der Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Freitod getrieben worden sind.

"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", sagt Gunter Demnig.

Nachdem sich Gunter Demnig 1990 anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Deportationen von 1000 Roma und Sinti aus Köln mit einer Kunstaktion an der Gedenkveranstaltung beteiligt hatte, indem er mit einer rollbaren Druckmaschine Spuren der Deportationswege legte, wuchs in ihm die Idee, etwas zu schaffen, dass ein dauerhaftes Gedenken ermöglicht. Zunächst entwickelte Demnig das eher theoretische Konzept für die Veröffentlichung "Größenwahn - Kunstprojekte für Europa", bei dem er von einer notwendigen Zahl von sechs Millionen Stolpersteinen ausging.

Der Verlegung der ersten Stolpersteine am 4. Januar 1995 in Köln, damals noch ohne offizielle Genehmigung, folgte im Jahr darauf die Verlegung von 51 Steinen in Berlin. Auch diese wurden von Gunter Demnig noch ohne eine behördliche Zustimmung verlegt. Die sich an die Installation anschließende öffentliche Diskussion über die tiefere Bedeutung sowie über den Sinn und Zweck der Stolpersteine machte das Projekt publik. Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad wuchs auch die Zahl der Einzelpersonen und Gruppen, die das Projekt unterstützten. Den anfänglichen bürokratischen Hürden und Hemmnissen ist Gunter Demnig längst nicht mehr ausgesetzt. Heute kann der viel gefragte Künstler, der seine Steine nach wie vor selbst verlegt, kaum den angefragten Terminen der Kommunen nachkommen.

Verlegung von Stolpersteinen in der Gemeinde Bönen

Am 16. Dezember 2010 hat der Rat der Gemeinde Bönen einstimmig beschlossen, Stolpersteine für die Opfer des NS-Regimes verlegen zu lassen. Zurückzuführen ist der Ratsbeschluss auf einen Antrag des SPD-Ortsvereins Bönen-Mitte, der im September 2009 an den Bürgermeister gerichtet worden ist. In seinem Schreiben formuliert der Ortsverein den Wunsch, dass "in Anbetracht der immer wiederkehrenden Versuche rechtsextremer Gruppen und Einzelpersonen, auch in Bönen, das unsägliche Leid der Holocaust Opfer zu verharmlosen oder zu negieren, durch das Anbringen von Gedenktafeln oder das Setzen von Steinen, die Erinnerung an die Menschen lebendig bleiben soll, die einst hier vertrieben, deportiert oder ermordet wurden. Zum Gedenken an den Holocaust soll einmal jährlich eine Tafel oder ein Stolperstein in einer Zeremonie enthüllt werden."

Am Nachmittag des 4. Mai 2011 verlegte der Künstler Gunter Demnig unter großer Anteilnahme der Bevölkerung den ersten Stein in der Gemeinde zum Gedenken an den jüdischen Kaufmann Sally Brandenstein.

Stolpersteininschrift Sally Brandenstein

Kurzbiografie

1879 in Hofgeismar bei Kassel als jüngstes von 10 Kindern geboren. Seine älteste Schwester übernahm den elterlichen Betrieb für landwirtschaftlichen Bedarf.

1906 Aufbau einer Existenz in der durch die Zeche ständig wachsende Gemeinde Bönen und Eröffnung des Manufakturwarengeschäftes auf der Bahnhofstraße 143. Bruder Julius hatte ein Textilgeschäft in Unna.
1908 Heirat mit Käthe Stensch. Die Ehe bleibt kinderlos und wird 1922 geschieden.

1923 heiratete er Paula Richter. Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, Mitglied in verschiedenen Vereinen, u.a. als Schriftführer des Männergesangvereins "Einigkeit" Altenbögge. 1932 überschreibt er das Geschäft seiner katholischen Ehefrau.

1935 Verhaftung wegen Rassenschande. Verantwortlich für die Festnahme war Fritz Multermann, der einst bei ihm eine Lehre gemacht hatte und auch im Haus Brandensteins wohnte. Später wurde er Leiter der Geheimen Staatspolizei in Hamm.

1936 trennt sich seine Frau aus politischen Gründen von ihm und heiratet später einen überzeugten Nationalsozialisten.

1938 gelingt ihm die Flucht nach Shanghai. Unter welchen Umständen und wo er dort gelebt hat, ist bislang unerforscht. Bis 1941 sind rund 14. 000 Juden aus Mitteleuropa nach Shanghai geflohen, um der drohenden Vernichtung durch das Nazi-Regime zu entgehen. Shanghai war als einzige Stadt der Welt ohne Visumspflicht und somit eines der letzten Schlupflöcher, das noch genutzt werden konnte.

Nur wenige Jahre nach seiner Ankunft verstarb Sally Brandenstein am 29.04.1942 in Shanghai.

Stolpersteininschriften Familie Keil

Kurzbiografie

Laura und Adolf Keil kamen aus Norddeutschland 1910 nach Bönen und eröffneten aus der Bahnhofstraße / Ecke Zechenstraße das erste Kaufhaus in Altenbögge. Ihre Töchter Gerda und Lisa wurden hier geboren und besuchten die Martin - Luther - Schule (später Goetheschule). Im Anschluss wechselten sie zur Oberschule nach Unna. Da es Herrn Keil gesundheitlich nicht gut ging, entschloss sich die Familie 1929 kurzzeitig nach Hannover zu ziehen. Die Geschäftsführung des Bönener Kaufhauses übernahm der jüdische Kaufmann Carl Friedenberg. Nach dem Tod ihres Ehemanns im Jahre 1930 kehrte Laura Keil nach Altenbögge zurück, wo sie im Mai 1931 erneut ihr Kaufhaus eröffnete.

Unter dem starken Druck, den die Nationalsozialisten auf das jüdische Unternehmen ausübten, waren die Umsätze rapide zurückgegangen, so dass sich Frau Keil im März 1935 schließlich aus dem Geschäftsleben zurückziehen musste.

Ihre Tochter Gerda war 1934 mit ihrem Mann, Alfred Löhnberg aus Unna nach Palästina ausgewandert.

Der Geophysiker wurde später zu einem, auch international bekannten Wissenschaftler. Mit neu entwickelten Methoden sorgte er für eine schnelle und reibungslose Wassererschließung, was für den Staat Israel von unermesslichem Wert war.

Später nannte sich die Familie in Laronne um. Der Sohn, Professor Jonathan Laronne, war zur Stolpersteinverlegung im Jahr 2012 extra aus Israel angereist. Lisa Keil folgte ihrer Schwester 1936 gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Holländer Nico Haalmann, nach Palästina.

Laura Keil lebte von 1935 bis 1939 von ihren Ersparnissen in Deutschland. Noch 1937 besuchte sie ihre Kinder in Palästina, und obwohl die Kinder sie inständig baten zu bleiben, kehrte sie wieder nach Deutschland zurück. Im September 1939 floh sie über die Grenze nach Belgien. Die Zeit der deutschen Besatzung Belgiens überstand sie mit Hilfe einer christlichen Familie, die sie in ihrer Dachkammer versteckte und mit Lebensmitteln versorgte. Als Gegenleistung strickte sie Socken u.a. Dinge.

Nach dem 2. Weltkrieg ging auch Laura Keil nach Palästina und ließ sich in der Nähe ihrer Kinder nieder. Sie verstarb 1966.

Stolpersteininschriften Familie Kaufmann / Poppert

Kurzbiografie

Die Schwestern Eva und Clara Kaufmann kamen als junge Frauen aus dem Rheinland nach Altenbögge und eröffneten hier 1914 ein Wäschegeschäft.

1919 heiratete Clara den aus Gronau stammenden Kaufmann Adolf Poppert. Am 5. August 1920 wurde die gemeinsame Tochter Ruth in Altenbögge geboren. Sie besuchte, ebenso wie die beiden Keil - Töchter, die Martin - Luther - Schule. Ruth Poppert war eine gute Schülerin. Im Jahr 1930 wechselte sie zur Oberschule nach Unna und verließ diese vermutlich nach der Mittleren Reife. Ob sie tatsächlich das Berufsziel einer Krankenschwester anstrebte, wie ihr Cousin Karl Kaufmann 1993 in einem Interview äußerte, ist an anderer Stelle nicht belegt.

Nach der Aussage von Zeitzeugen soll häufig ein junger Mann namens Karl im Geschäft gewesen sein. Dabei handelte es sich um den unehelichen Sohn von Eva Kaufmann, der 1907 in Kapellen geboren wurde und dort bei seinem Großvater aufwuchs. Er floh gemeinsam mit seiner Frau 1938 von Hamburg über Paraguay nach Argentinien. Dort lebte er als Carlos Kaufmann.

Als die Schwestern im Juli 1937 ihr Geschäft zwangsweise in Altenbögge schließen mussten, verließ die Familie Poppert die Gemeinde und zog nach Köln-Ehrenfeld. Viele jüdische Bürgerinnen und Bürger, denen die berufliche Existenzgrundlage durch das NS - Regime entzogen worden war, flüchteten in dieser Zeit in die Großstädte. Im Schutz einer größeren Synagogengemeinde fühlten sie sich sicher und konnten sich zudem gegenseitig unterstützen. Ein Trugschluss, der für die meisten von ihnen tödlich endete.

Der Familie Poppert hingegen gelang es, nach England zu fliehen und sich dort ein neues Leben aufzubauen. 

Eva Kaufmann entschied sich zur Rückkehr in ihren Heimatort Kapellen. Hier konnte sie in ihrem Elternhaus wohnen und ihre anderen Schwestern unterstützen. Diese betrieben ein Weißwarengeschäft. Um den Boykott jüdischer Geschäfte zu umgehen, deponierten sie die Sachen bei einem Nachbarn.
Die Ereignisse in der Reichspogromnacht in Kapellen schildert der Autor Ulrich Herlitz. Von blinder Zerstörungswut angetrieben, rotteten sich gegen Mitternacht mehr als 20 bis 30 Personen vor dem Haus zusammen, schlugen Fenster und Türen ein, zerschlugen die Möbel und warfen sie sowie weiteren Hausrat zum Fenster hinaus. Sogar Dachpfannen wurden heruntergerissen und auf die Straße geworfen. Die völlig überraschten Schwestern, die um ihr Leben fürchteten, konnten sich mit Hilfe eines Nachbarn über einen Schuppen ins Nebenhaus retten. Barfuss und nur behelfsmäßig bekleidet, flohen sie ohne jegliches Gepäck bei Minustemperaturen zu Fuß zu ihrer Schwester Frieda nach Köln. Da sie nicht binnen 48 Stunden in ihren Heimatort zurückgekehrt waren, durften sie Kapellen, laut Anweisung, nicht wieder betreten.

Zwei weitere Jahre, die von Ausgrenzung und Verfolgung geprägt waren, verbrachten die Schwestern noch in Köln. Am 21. Oktober 1941 wurden Eva, Elise und Sybilla Kaufmann sowie ihre Schwester Frieda Winter nach Lodz deportiert. Am 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, wurden die vier Schwestern rückwirkend für tot erklärt.

 

 

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